Ich bin ein Wutbürger

Vorgestern war ich ein schizophrener Trauerbürger, Fassungslosbürger, Geschocktbürger, Hilflosbürger. Langsam aber haben sich die sozialen Medien scheinbar vom Schock erholt und holen aus zum unvermeidlichen Gegenschlag.

Kennt ihr das Gefühl, wenn ihr eine schreckliche Nachricht hört, sich das Gefühl der Hilflosigkeit breit macht und man dennoch zeigen möchte, dass einen die Geschehnisse nicht kalt lassen? Ja, ich habe kurz nach den Anschlägen von Paris mein Profilbild in die französischen Nationalfarben getaucht. Ja, kurz darauf verbreitete sich das stilisierte Friedens-, Eiffelturmzeichen, das ich gerne als Profilbild übernommen habe, weil ich es für sehr treffend halte. Offensichtlich haben viele Menschen das Bedürfnis, damit ihre Anteilnahme zu zeigen und ich finde das in gewisser Weise beruhigend. Gemeinschaftsgefühl und so. Abgedroschene Worthülsen? Vielleicht.

Warum aber kriechen einen Tag nach den Anschlägen all jene aus ihren Löchern, die nur zu gerne belehren möchten; die dann noch ihre Freunde, die Verschwörungstheoretiker mitbringen?
Man möchte bitte die französische Flagge nicht als Zeichen der Solidarität nutzen, weil sie Nationalismus und Rassismus stärkt?
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Ich bitte euch, kann man mal aufhören, zu übertreiben und zu instrumentalisieren?

Ich lese Statusmeldungen von Menschen, die sich genötigt fühlen mitzuteilen, dass sie ihr Profilbild NICHT in blau weiß rot einfärben, da man Entsetzen nicht vor sich her tragen muss. Nein, muss man nicht. Kann man aber. Da stellt sich doch eher die Frage, warum muss man mitteilen, dass man bei dem Trend nicht mitmacht. Um den anderen zu sagen, ihr seid ja echt voll die Mitläufer und weil ich ein Hirn habe, mache ich da nicht mit?
Und überhaupt sind die Anschläge ja, genau wie die Attentate am 11. September, nur von CIA und wem auch immer vorbereitet und durchgeführt, um das dumme Volk auf einen gerechten Krieg gegen den Islamischen Staat einzustimmen.
Kann man nicht einfach mal seine Anteilnahme ausdrücken ohne gesagt zu bekommen, dass das doch eh alles unsere eigene Schuld ist weil wir uns ja von den Politikern verschaukeln lassen oder dass man sein Profilbild nicht ändern muss, weil es ja eh nix bringt?
Das fühlt sich ein bisschen so an, als käme jemand in knallbunten Klamotten auf eine Beerdigung, weil ja sowieso alles zu spät ist und schwarz nix ändert.

Stimmt, ich habe mein Profilbild bei den Anschlägen in der Türkei, in Beirut, im Libanon, im Irak etc. nicht geändert. Ja, ich gebe zu, dass mir ein Anschlag in Frankreich mehr Angst macht, als einer im nahen Osten. Warum? Weil es (relativ) neu ist. Weil es kein Wunder ist, dass man bei täglich neuen Meldungen von Anschlägen, gesprengten Kulturgütern, verschleppten, getöteten oder verhungernden Frauen, Kindern und Männern nicht mehr mithalten kann und in gewisser Weise abstumpft. Diese Reaktion darauf ist beileibe nicht schön, aber sie ist menschlich.

Ich bin traurig darüber, dass so viele Menschen in Paris ihr Leben bei den Anschlägen verloren haben.
Ich bin traurig darüber, dass so viele Syrer aus ihrem Land flüchten müssen oder dort sterben.
Ich bin traurig darüber dass so viele Menschen bei Anschlägen in anderen Ländern sterben müssen.
Es gibt in dem Zusammenhang sehr viele Dinge, die mich traurig machen und ein Gefühl der Hilflosigkeit hinterlassen, aber ich bin WÜTEND über Menschen, die Zeichen der Anteilnahme und Solidarität schlecht machen, verurteilen oder sich herablassend darüber auslassen und das dann meist noch ohne HIRN.

Ich weiß, Moslems feiern kein Weihnachten, aber falls mir jemand jenseits jeglicher Religion etwas schenken möchte, dann entweder Hirn zum verteilen oder Weltfrieden. Letzteres würde mir völlig reichen.

 

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