Wer die Wahl hat…

Fassungslos und mit einer gewissen Hilflosigkeit erhole ich mich immer noch von  der Kommunalwahl in Hessen letzten Sonntag. Immer wieder die eine Frage im Kopf: woran liegt es? Ich habe Freunde, ich habe Arbeitskollegen, ich habe Familie und bisher dachte ich, meinen nicht  vorhandenen Arsch darauf verwetten zu können, dass niemand von ihnen AfD, NPD oder REP wählt. Wenn nun aber die AfD bis zu 20% bei den Wahlen erreicht, dann macht mir das Angst. Erstens, weil gut jeder Zweite gar nicht erst wählen war und zweitens, wenn mein Freundes- und Kollegenkreis den allgemeinen Regeln der Statistik folgt, bald jeder fünfte der anderen Hälfte AfD gewählt hat.
Es gibt Dinge, die ich mit meinem bisschen Verstand einfach nicht nachvollziehen kann.

Liegt es an der Generation? Wer hat „Rechts“ gewählt? Die Jüngeren? Weil sie keine Ahnung mehr vom Krieg haben? Ich möchte es nicht glauben, weil das bedeuten würde, dass es in den kommenden Jahren immer schlimmer wird.

Ich gebe zu, die ganze Situation ist ziemlich verfahren. Deutschland möchte den Flüchtlingsstrom begrenzen und hofft unter anderem auf die Unterstützung der Türkei. Die wiederum (und ich betone: ich meine die Regierung, nicht das Volk) sieht sich dadurch in der Position Forderungen zu stellen. Nicht nur Forderungen, in direktem Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise sondern zum Beispiel zum Thema EU-Beitritt. Als wäre das nicht absurd genug, blickt kaum noch einer durch, wen die Türkei in ihren Grenzgebieten und in Syrien bekämpft. PKK? Kurden? IS? All of the above?

In Syrien selbst wundert es mich bei den ganzen Splittergruppen, dass die überhaupt noch wissen, auf wen sie schießen wollen. Was mich aber nicht wundert, ist die Tatsache, dass viele Syrer, vermutlich unterschiedlichster Religionen, keinen Spaß daran haben, dem IS in die Hände zu fallen oder in zerbombten Städten unter Lebensgefahr darauf zu warten, dass doch endlich irgendwann Ruhe einkehrt. Es wird ein Waffenstillstand ausgehandelt, der aber ausdrücklich nicht für den Kampf gegen IS gilt. Prinzipiell wohl richtig, denn der IS muss bekämpft werden, aber ob das militärisch in einem dermaßen destabilisierten Land wie Syrien funktioniert, sei mal dahingestellt.

Da viele Syrer also doch gerne weiterleben, ihre Familie in Sicherheit bringen möchten, flüchten sie. Ich habe es schon mal geschrieben und ich schreibe es noch mal: Mein Haus ist durch eine Bombe zerstört, Familienmitglieder sind vielleicht schon getötet worden, ich habe eine Familie mit Kindern, für die ich mir nichts mehr wünsche, als dass sie in Frieden aufwachsen können, nicht hungern müssen, etwas lernen können. Also mache ich mich auf den langen Weg. Viel kann ich nicht mitnehmen. Mein altes Leben bleibt in meiner Heimat. Jetzt bin ich vielleicht einer von denen, die es tatsächlich noch bis nach Deutschland geschafft haben und die Menschen haben geklatscht, als ich ankam (ja, auch irgendwie irrsinnig, zugegeben), doch plötzlich kippt die Stimmung, meine Unterkunft wird angezündet, meine Kinder werden angepöbelt und haben Angst.  Was macht das mit mir? Bin ich dann motiviert, mich zu integrieren? Das Land kennen zu lernen? Wohl kaum. Ich ziehe mich zurück, bleibe unter Meinesgleichen, entwickle Misstrauen, womöglich  Wut und werde meinen Gastgebern vermutlich nicht mit offenen Armen und Interesse  entgegen treten. Schade. Hätte anders laufen können.

Nicht jeder Flüchtling ist nett, das ist klar, aber jeder nette Flüchtling – und vielleicht bin ich naiv, aber ich gehe davon aus, dass wir hier gut und gerne von 85% reden – ist eine Bereicherung. Ich habe keine Angst davor, dass unsere Kultur durch Menschen aus anderen Ländern zerstört wird. Ich habe Angst davor, dass sie durch die Menschen  die jetzt, 2016, von sich behaupten, sie seien das Volk, mit Füßen getreten und in Stücke gerissen wird.

Mein Vater hatte Angst vor den Russen. Kein Wunder bei den  ganzen Geschichten, die über die damals immer näher heranrückenden Truppen erzählt wurde. Als sie dann da waren, bestätigten sich einige Befürchtungen. Wütende Russen, denen die Deutschen die Mütter, die Kinder, die Geschwister genommen haben. Und dennoch erlebte mein Vater auch den „Menschen“ aus Russland. Vor allem einen Mann, dessen zwei Kinder getötet wurden, als deutsche Panzer durch sein Haus fuhren. Dieser Russe, der mit seinem Hauptmann bei meinen Großeltern im Haus einquartiert war, passte nicht ins Klischee. Er war kinderlieb, und spielte mit einem kleinen Kind auf dem Hof, bis ihm die Tränen in Erinnerung an seine Kinder kamen.
Nicht jeder Russe war ein Vergewaltiger – nicht jeder Flüchtling ist ein Attentäter.

Kommendes Wochenende ist Landtagswahl unter anderem in Sachsen-Anhalt. Liebe Familie dort, ich weiß, ihr könnt nicht viel ausrichten, aber tut, was in eurer Macht steht.
Ich wünsche mir, dass das trotz meiner Zweifel besser ausgeht, als bei uns in Hessen.

Bei einer Sache bin ich mir jedenfalls ganz sicher. Meine Eltern, die  den Krieg als Kinder erlebt haben, wünschen sich mit Sicherheit, dass ihre Kinder und Enkelkinder niemals das erleben müssen, was sie selbst erleben mussten.  So lange es noch Zeitzeugen gibt, redet mit ihnen, damit ihr vielleicht ein bisschen versteht, was es bedeutet unter Daueralarm im Bunker zu sitzen oder wenn es schlecht läuft nur im Splittergraben.  Erinnert euch daran, was es bedeuten musste, seine Meinung nicht sagen zu dürfen. Keine freien Wahlen gehabt zu haben.

GEHT WÄHLEN und wählt weise!